21.12.13

Schweizer Allerlei - Teil Zwei von Zwei



Weiter geht es mit meinen kürzlich erworbenen pan-helvetischen „Weinerfahrungswerten“. Im Vergleich zu Teil Eins von zwei bei Schweizer Allerlei sollte es noch abwechslungsreicher, intensiver und genussvoller werden. Wie letztes Mal möchte ich mit einem Chasselas beginnen. Dieses mal aus der AOC Yvorne im Chablais. Auch eine leicht exzentrische Petite Arvine aus dem Wallis durfte bei meiner Verkostung natürlich nicht fehlen. So verhielt es sich auch mit Dem Klassiker aus dem Kanton Neuchâtel: dem Œil de Perdrix. Ein weiterer, und überaus erfreulicher, Pinot Noir kam aus dem Thurgau über den Bodensee nach Deutschland gesegelt. Zum Abschluss hatte ich, wie auch bei Teil eins meiner Allerlei Verkostung, einen Merlot aus dem Tessin. Zu weiteren kurzen Erklärung sollte ich nochmals erwähnen, dass wieder die meisten Weine aus der (gehobenen) Mittelklasse der jeweiligen Weingüter entstammten und wiederum zu 4/5 aus Halbflaschen verkostet wurden. Genug der Präliminarien! Darum auf, zu den Gabriel Gläsern …



Bei meinem ersten Wein handelte es sich um den Grand Cru L'Ovaille 2010 von der Domaine L'Ovaille (un terroir de 1584) aus der AOC Yvorne im Chablais. Wie der Name des Weingutes (und der Lage) verraten mag, muss irgend etwas Schlimmes einsteins (vermutlich im Jahr 1584) passiert sein. Genau in diesem Jahr wurde das Dorf Yvorne von einem riesigen Gesteinsabrutsch, welcher durch ein Erdbeben ausgelöst wurde, begraben. Dieser bildet heute die Unterlage für den ca. 2,3 ha großen gen süd-südost gerichteten Weinberg L'Ovaille. Wie es sich bei nicht wenige Chasselas Weine verhält, konnte auch dieser mit keiner satten Farbe aufwarten. Dieser nahezu farblose Zustand lässt sich wohl am besten mit der sehr zügigen Pressung und stahligen Ausbauart erklären. Die Nase war angenehm aussagekräftig. Weiche und filigrane Düfte von gelben Birnen, weißen Blumen, Spuren von sehr reifen Äpfeln und gegen später einigen exotischen Anklängen (hauptsächlich Mandarinen) zeugten von einem sehr fruchtorientierten Chasselas. Diese überaus filigran-duftige Nase wurde mit der Zeit durch Aromen von Honig und Zitronenabrieb in ihrer Komplexität immer ausgeprägter. Die zukletzt erwähnten Aromen waren am Gaumen für mich noch ausgeprägter. Doch zunächst zeigte sich der L'Ovaille in der ersten Stunde ein wenig sehr herb und säurebetont (!, nicht gerade eine typische Eigenschaft für Gutedel Weine). Erst nach gut einer Stunde entwickelte sich auch hier eine weiche, runde und sehr fruchtorientierte Charakteristik. Insbesondere die Aromen von kräftigen, und zeitweise kompottig wirkenden, Birnen und frischen Mandarinen machten ein Großteil des Geschmacks aus. Auch der eigentliche Abgang wirkte nun etwas weicher, süßlicher (hielt sich im Rahmen) und „milchiger“-cremig. Im Vergleich zu dem vor drei Wochen erwähnten Dezalay von Luc Massy wirkte dieser Yvorne Chasselas viel süffiger, weicher, unkomplizierter und bei weitem nicht so mineralisch. Im Geschmack fehlte es ihm vielleicht ein wenig an Komplexität und Seriosität um mich wirklich überzeugen zu können. Ein anständiger **** Wein war es dennoch allemal.

Weiter ging es mit einem Petite Arvine von den Les Domaines Bonvin aus dem Jahr 2011. Petite Arvine ist eine sehr alte und stark lokal begrenzte Rebsorte. Neben dem Wallis wird sie eigentlich nur noch im italienischen Aostatal verbreitet kultiviert. Ich frage mich: Warum eigentlich? Denn ich habe noch nie einen Wein - ein paar waren es schon - aus Petite Arvine getrunken, der mich, zum richtigen Anlass, nicht überzeugen konnte. Wobei, ich kann mir schon vorstellen, dass die gewaltige – und oft etwas sehr herbe - Komplexität und Salzigkeit so mancher Gewächse, nicht jedem munden dürfte. Eine Gewisse Polarisierungsgefahr besteht wohl. Dieser Petite Arvine von Bonvin hatte eine sehr jugendlich wirkende Farbe. Sehr viel Tein hatte dieser Wein ebenfalls nicht anzubieten. Doch die Viskosität war erwartbar dicht. Die Nase zeigte von Anfang an wohin die Reise ging! Viel von vermeintlichem Salz, Seetang, kühlem Rauch und Torf dominierten die gewaltig mineralische Nase die ersten zwei bis drei Stunden. Frucht war zu diesem Zeitpunkt nicht im Nasenspielplan vorhanden. Zu dem Zeitpunkt empfand ich die Nase als beeindruckend, herausfordernd und auf eine gewisse Weise total stimulierend. Nach mindestens drei Stunden änderten sich die nasalen Eindrücke gewaltigst. Immer mehr von intensiver kandierter Fruchtigkeit (hauptsächlich Zitrone mit etwas Orange) begannen sich zu entwickeln. Am Gaumen zeigte sich eine parallel verlaufende Entwicklung. Zunächst intensivst mineralisch, ähnliche Aromen, gepaart mit einigen schüchternen Anklängen von weißer Schokolade, grünem Pfeffer und etwas zu präsentem Glyzerin. Zu diesem Zeitpunkt mochte mich der Wein schon ein wenig an insellastigen, mit Wasser verdünnten, schottischen Whiskey erinnern. Sicherlich eine überaus spannende und intensive Erfahrung. Doch nach drei bis vier Stunden hielten auch hier kandierte und etwas wachsig wirkende Fruchtaromen (viel Zitrone und Quitte) Einzug. Diese verbanden sich mit dem mineralischen Eigenschaften ohne diese übertrumpfen. Mir persönlich hat diese Geschmackswende nicht ganz so gefallen. In den ersten Stunden hat mich der Reichtum an gewaltiger Komplexität und Tiefe mehr berührt. Dies mag wohl ein wenig damit zusammenhängen, dass ich nicht der größte Fan der Kombination von mineralischer Herbe und kandierter Fruchtigkeit (die mit der Zeit immer süßer wurde) bin. Da war mir etwas zu viel Unruhe im Glas. Natürlich eine reine Geschmacksangelegenheit. Biss, Tiefe und Länge hatte der Wein auf jeden Fall. Vielleicht ein wenig zu viel schmeckbaren Alkohol. Spannend war es allemal! Ohne jeden Zweifel ein anständiger **** Wein. 


Auf halben Weg zwischen Weiß- und Rotwein hat sich ein richtiger Klassiker der Neuenburger Weinwelt in die Flaschenfolge eingeschmuggelt. Das Rebhuhnauge oder besser geschrieben Œil de Perdrix 2011 der Caves du Château d’Auvernier in ein Pinot Noir mit sehr kurzer Maischestandzeit. Mein verkostetes Exemplar war die Reserve-Ausführung für ein Züricher Nobelhotel. Ob es da Unterschied zu anderen Rebhuhnaugen vom Château d’Auvernier gibt entzieht sich leider meiner Kenntnis. Die Farbe des Œil de Perdrix fand zwischen einem etwas fahl wirkendem Lachsrosa und einem hell orange-braunem Farbton statt. Seine Nase hatte unheimlich viel Frische und klare Erdbeeraromen. Nicht sehr komplex. Dafür aber blitzsauber. Darüber hinaus kräftiger Rauch der mit den Stunden stetig abnahm. Überraschende Spuren von floralen Anklängen und ein Hauch Landluft, die sich beide nach gut zwei Stunden entwickelten, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Die für Rosé leider etwas typische Bonbonhaftigkeit und süßlich wirkende Kitschigkeit war zu keinem Zeitpunkt präsent. Formidable! Der Geschmack hatte präzise Fruchtaromen, hier von Erdbeere, etwas Zitrone und einem Hauch Blutorange. Der präsente, mit der Zeit sich dezimierende, Rauch, etwas herbe Würze und eine stramme Säure garnatierten dem Wein ein Stückchen an komplexem Spiel. Was mich wirklich gefreut hat war der Umstand, dass dieser Wein wirklich trocken, und dadurch für mich sehr verträglich, war. Ein großer Wurf an Komplexität und Tiefgang war das Rebhuhnauge sicherlich nicht. Musste er auch nicht. Seine Trinkigkeit, Klarheit, seine Trockeheit und Harmonie reichten mir vollkommen aus. Das war Rosé bei dem sogar ich als Anti-Rosé'ist mir sehr gerne noch und noch und noch ein kleines Gläschen eingeschenkt habe. In der Tat ein anständiger **** und ziemlich überraschender Wein!



Überraschend und pinot'ig ging es weiter. Nur diesmal „vollfarbig“ und auf einem anderen Niveau. Dieser weitere überraschende Pinot kam vom Ottoberg aus dem thurgauischem Nahbereich des Bodensees. Der Blauburgunder Ottoberg 2008 von Weinbau Michael Broger hatte es für seine Herkunft aus der Bodenseeregion wirklich in sich. Vergoren und ausgebaut (ca. 10 Monate) wurde nicht zertifizierte Bio-Burgunder in 500l Fässern und gebrauchten Barriques. Ein festes und tief farbig-transparentes Rubinrot mit immernoch jugendlich wirkenden Reflexen erfüllte mein Glas. In der Nase spielte sich zunächst viel Rauch, Speck und nicht abstoßendes warm wirkendes Holz ab. Die Eindrücke verflogen nach ca. 30 bis 45 Minuten. Danach kam kühle, kräftige und sehr seriös wirkende Kirschfrucht, etwas reife Erdbeere, Spuren von Brennsesseln, Wacholder, Hagebutte und feinstes Karamell auf. Am Gaumen zeigten sich ebenfalls die anfänglichen und glücklicherweise mehrheitlich schnell verduftenden Rauch- und Speckaromen. Danach zeigte sich eine klare, schlanke, kühle und saftige Aromenvielfalt von dunklen Kirschen, reifen Erdbeeren, feiner und etwas grün wirkender Würze, mit späteren leichten Tendenzen hin zu Brennsesseltee und minimalen Holzkohleeinflüssen. Die Struktur des Weines war keinesfalls körperlich unterentwickelt. Auch wenn sie leicht (nicht wirklich filigran) wirkte. Das Tannin war - jetzt muss ich einen Ausdruck der vinophilen Beschreibungslyrik verwenden den ich sonst bewusst umschiffe - richtig seidig ohne schon zu glatt und konturlos zu wirken. Ein anständiger Trinkfluss wurde durch bestechende Balance, Frische und Länge gewährleistet. Wirklich ein sehr anständiger ***** Mittelklasse Pinot Noir voller Ausgewogenheit aus einer Region die nicht sonderlich berühmt für ihre guten und anspruchsvollen Pinot Noirs ist. Abgesehen natürlich von einigen bekannten Ausnahmen von Broger, Bachtobel und Burkhart. Auf der anderen Seite des Bodensees gibt es so etwas leider nicht! Doch nicht nur der Wein, sondern auch das schlicht-geometrisch-elegante und innovativ-erklärende Etikett hatte es in sich. Näheres dazu findet ihr hier!


Der letzte Wein beim zweiten Teil meiner Weinerkundung war der Merlot Riflessi d'Epoca 2010 von Brivio Vini. Bei diesem Merlot handelt es sich um einen auf kräftigen Lehmböden gewachsenen reinsortigen Merlot aus dem Unterbereich Sottoceneri. Das Traubengut für diesen Wein wurde, wie bei Brivio üblich, von verschiedenen Winzern aus der südlichsten Region des Tessins eingekauft. Die Maischestandzeit dauerte bis zu 18 Tage an. Der Ausbau fand für 14 Monate in französischer Eiche statt. Die Farbe des Riflessi d'Epoca erschien mir ziemlich blutig, hatte leichte Trübungen und wirkte verständlicherweise visuell noch sehr jung. Die Naseneindrücke waren zunächst bestimmt von klarer und kühl wirkender Kirschfrucht, saftigen Brombeeren, feinem Tabak, einer herb-toastigen Holzigkeit (die nicht so übertrieben erschien) und gewissen Spuren von Oma's Bratensoße. Unter Beibehaltung der kirschigen, brombeerigen und tabakigen Eigenschaften entwickelten sich nach ca. zwei Stunden Düfte in Richtung von nicht zu reifen Heidelbeeren, etwas Cola und Karamell. Verschlossen oder zugenagelt wirkte die Nase zu keinem Zeitpunkt. Der Geschmack war von Anfang an wie man ihn sich von einem guten Mittelklasse Tessiner Merlot hoffnungsvoll erwartet. Die Aromen wirkten kühl, klar, rein, mittelschwer und ziemlich direkt. In den ersten zwei Stunden zeugten Säure und Tannin noch von seinem jungen Alter. Danach wirkte der Brivio Merlot erstaunlich zugänglich und balanciert. Die Aromen wurden bestimmt von großen Mengen an Herzkirschen, wiederum sehr saftigen Brombeeren, schüchternem Tabak, einer Spur Steinpilzen, Nougat, Schokopudding und einer typischen und nicht übermäßig ausgeprägten würzigen Merlotcharakteristik. Über die Zugänglichkeit dieses noch jungen Weines musste ich mich schon wundern. Letztlich war ich positiv überrascht, dass der Trinkfluss nach einer kurzen Belüftungsphase so rapide zunahm. Meiner Ansicht nach ein wirklich anständiger ****, für das Tessin nicht untypisch wirkender, kühler Merlot, der mir aufgrund seiner Balance und gut vertretbaren Holzprägung (anders als beim ersten Merlot in Teil eins) durchaus sehr zusagte.

Da es so schön war in der Schweiz und zwei von zwei Teilen natürlich nicht aller guten Dingen sind, wird es im kommenden Januar noch einen weiteren Teil geben. Im wirklich abschließenden Teil Drei von Drei bei Schweizer Allerlei geht es weiter mit einem richtigen (Massen-)Klassiker aus dem Aigle vom östlichen Teil des Genfersees. Aus etwas weiter westlichen Regionen wird ein Laveaux Saint-Saphorin hinzustoßen. Auch ein Pinot vom Zürichsee darf nicht fehlen. Im Wallis wird es sehr hoch hinaus gehen. Das letzte Finale wird wie bei den letzten Malen im Tessin stattfinden. Ich freue mich schon!

2 comments:

Philipp Binaghi said...

Schöner Bericht mein Liber Chris ;-) Mögest du noch manchen Riflessi trinken, vor allem auch gereiftere ;-)

Oh Dae-su said...

Hi Philipp, dankeschön! Ja der war wohl noch sehr jung:-). Vom Zündel Christian gibt es demnächst noch was ... etwas gereifter
Gruss
Chris