24.4.13

Riesling 2006 aus dem Kamp- und Traisental





Heute geht es auf einen Ausflug der verschollenen Verkostungsnotiz in niederösterreichische Weinregionen abseits der Wachau. Vorschollen? Na ja, die Ordnung meiner Verkostungszettel könnte etwas besser organisiert sein. Daher hat es sich ergeben, dass ich den Betreffenden seit gut drei Wochen in jeglichen Taschen, Schubladen, im Keller und erniedrigenderweise sogar im Altpapiercontainer vergeblich gesucht habe. Vor wenigen Tagen nun habe ich das gute Stück in meinem Briefkasten gefunden. Wie er da wohl hingekommen ist? Ich kann nur sagen: Vielen Dank an meine Nachbarschaft - die diese Danksagung vermutlich nie lesen wird! Ich muss mich wohl mit meinen vielen leeren Flaschen schon einen Namen als Weinvernichtungsmaschine gemacht haben ;-). So erkläre ich mir diese unverhoffte "Heimsuchung". Jetzt ist aber genug mit dem Geschwätz! Gehen wir über zu den wesentlichen Dingen! Bei den heutigen Weinen handelt es sich um zwei einigermaßen gereifte Rieslinge aus dem Traisen- und dem Kamptal. Zum einen um den Platzhirsch Riesling Der Wein vom Stein RR 2006 vom Weingut Neumayer aus dem Traisental, zum anderen um das konzentrierte Schlachtross Zöbiger Heiligenstein 2006 vom Weingut Hirsch aus dem Kamptal. Hier geht’s zu meinen wieder gefundenen "Erkenntnissen":



Die Farbe der beiden Weine war ziemlich identisch. Beide zeigten ein helles gold-gelb und keinerlei offensichtliche Alterungserscheinungen. Nebenbei sei bemerkt das beide mit Screw Caps verschlossen waren. Die Viskosität des Hirsch mag ein wenig zähflüssiger und dichter gewesen sein. Bei diesem meinte ich auch mikroskopisch kleine Restbestände von Kohlensäure entdeckt zu haben!?! Wie dem auch sein! Als ein sonderlich positives Zeichen wollte ich das nicht werten. Bei den Naseneindrücken gingen die Eindrücke dann stark auseinander:

Der Wein vom Stein von Neumayer geizte nicht mit sehr zivilisierten, eleganten und keinesfalls fetten vielschichtigen Zitronenaromen. Eine bestechende kühlere Würzigkeit gepaart mit vermeintlicher Mineralik verlieh dem Wein eine komplexe, sehr feste und tiefgründige Blume. Der Heiligenstein von Hirsch hatte ein sehr breites, sehr steinfruchtiges und fast schon stark parfümiertes Bouquet. Die Nase kam mir schon ein wenig brutal und süßlich vor. Auch eine große Portion Rauch vermochte es nicht mich sonderlich zu begeistern. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich die Nase verabscheuungswürdig fand. Sie hatte ganz sicher ihre sehr direkte und intensiv fruchtige Attraktivität. Doch diese etwas zu übermannende und gewaltige Prägung war für mich ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Der Geschmack des Wein vom Stein machte sehr schnell deutlich, dass hier der Name des Weins Programm ist. Zunächst zeigte sich der Wein von der Frucht her ziemlich reserviert und petrolig. Die karge und gleichzeitig fast gewaltige Mineralik war von Beginn an sehr präsent. In den ersten zwei Stunden war mir mal wieder so, dass ich von richtiger „Steinschleckaktion“ sprechen bzw. schreiben könnte. Nach wenigen Stunden und an den Folgetagen entwickelte sich eine vielschichtige, immer noch frisch wirkende, zitronige Fruchtigkeit die ab dem zweiten Tag von etwas exotischeren Fruchtkomponenten unterstützt wurde. In Verbindung mit der erwähnten intensiven Mineralik zeigte sich über drei Tage hinweg ein sehr anspruchsvoller, erstaunlich lang anhaltender, komplexer und keinesfalls fetter Riesling mit relativ kühler Stilistik. Die etwas gezügelte Kraft der Säure erschien mir passend. Vielleicht hätte sie ein Tick bissiger und frische ausfallen können. Letztere „Forderung“ mag ein wenig piefke'ig sein ;-). Alles in allem ein sehr anständiger ***** und anspruchsvoller Riesling der nicht nur auf schnelllebige Primärfruchtaromen und Protz ausgerichtet ist. Für die nahe Zukunft könnte ich mir sogar noch ein wenig mehr Freude vorstellen. Ganz im Gegenteil zum Zöbiger Heiligenstein 2006 von Hirsch. Dieser kam mir schon sehr ausgereift vor. Seine primären geschmacklichen Eigenschaften waren sehr viel kräftiges Steinobst, eine starke und etwas wirr wirkenden Rauchigkeit, viel mehr Cremigkeit im Vergleich zum Wein von Stein, etwas ölig, etwas fett, etwas wuchtig und erstaunlich süß. Eine Süße mit der die eher verhaltene, oder vielleicht etwas gelangweilte, Säure nicht mitkam. Alles in allem kam der Hirsch mir nicht so klar und präzise vor wie der Stein-Wein. Von der mineralischen Tiefgründigkeit gar nicht zu sprechen. Hätte der Wein ein bisschen weniger Süße und ein klein wenig mehr Säure gehabt, hätte ich den Hirsch sehr gerne getrunken. Denn „trinkig“ (in limitierten Dosen) und saftig war er. Sicher kein schlechter Wein wenn man etwas mehr Süße mag. An Tiefgründigkeit hat es dem Wein ein wenig gemangelt. Als einfach-gestrickt wollte ich ihn dann doch nicht bezeichnen. Aber dennoch etwas eindimensional für einen Spitzenriesling. Am zweiten Tag konnte der Wein ein wenig von seiner rauchigen Prägung und lahm-öligen Art Abstand gewinnen. Diese Entwicklung machte den Wein für mich etwas attraktiver. Daher habe letztlich ich nur wenig Probleme diesem fruchtverwöhnten und leicht adipösen Riesling als anständig **** zu bezeichnen - auch wenn er sicher nicht meiner bevorzugten Stilistik entspricht. Er wird aber sicher seine Liebhaber am Markt findet.

Abschließend möchte ich das wieder gefundene Gute Stück doch noch der Öffentlichkeit preisgeben. Sodass ES - und meine sonst nicht so grausam ausschauende aber dennoch entlarvende Sauklaue - auf alle Ewigkeit im Internet auffindbar sein soll:


No comments: